Gidon Horowitz

Märchenerzähler

 
 

WIE DIE GEIGE ZU DEN MENSCHEN KAM

Vor langer Zeit lebte in einem kleinen Dorf ein armes Ehepaar. Sie wünschten sich sehnlichst ein Kind, aber ihr Wunsch ging lange Zeit nicht in Erfüllung. Eines Tages ging die Frau in den Wald, um Holz zu sammeln. Da begegnete ihr eine alte Frau, die ihr ganz unbekannt war, weder im Dorf noch in der Umgebung hatte sie diese Alte je gesehen. Sie grüßte die alte Frau, und diese erwiderte den Gruß und musterte sie dabei eindringlich. Dann sprach sie: "Du hast einen großen Wunsch, nicht wahr?"

"Ja", antwortete die Frau erstaunt. "Woher wißt Ihr das?"

"Ich weiß noch mehr", erwiderte die Alte. "Ich will dir sagen, was du tun musst, damit ihr ein Kind bekommt. Geh nach Hause, nimm einen großen Kürbis, teile ihn und höhle ihn aus. Fülle ihn mit Milch und trinke diese, bevor du dich schlafen legst. Dann wirst du in neun Monaten einen gesunden Jungen zur Welt bringen, der in seinem Leben glücklich und reich werden wird." Die arme Frau bedankte sich und lief nach Hause, so rasch sie konnte. Sie tat genau, wie ihr die Alte geraten, höhlte einen großen Kürbis aus, füllte ihn mit Milch und trank diese vor dem Zubettgehen. Und tatsächlich wurde sie schwanger und brachte nach neun Monaten einen gesunden Jungen zur Welt.

Das Glück des Paares war groß, aber die Mutter konnte sich nicht lange an ihrem Sohn erfreuen. Kurze Zeit nach der Geburt starb sie, und der Vater zog den Jungen allein groß, so gut er es vermochte.

Der Junge wuchs heran. Als er zwanzig Jahre alt war, starb auch sein Vater. 'Was soll ich noch in diesem Dorfe hier, nachdem Mutter und Vater gestorben sind?' dachte er. 'Ich will in die Welt hinausziehen und sehen, wo ich mein Glück finde!'

So verließ er das kleine Dorf und zog lange Zeit durch Wiesen und Wälder, über Berge und Täler, durch ferne Städte und Länder. Eines Tages erreichte er eine Stadt, über die ein König herrschte, der eine zauberhaft schöne Tochter hatte. Der König hatte seine Tochter demjenigen zur Frau versprochen, der ihm etwas bringen konnte, das es auf der Welt noch nicht gab. Wem dies aber nicht glückte, der sollte getötet werden. Schon viele schöne und kluge junge Männer hatten dabei ihr Leben verloren.

Eines Tages ging der junge Mann durch die Stadt. Die goldene Kutsche der Königstochter fuhr gerade vorbei, und er erblickte ihr Gesicht, sah ihr Lächeln und das Leuchten ihrer Augen. Von diesem Augenblick an hatte er Tag und Nacht ihr Bild vor Augen. Er konnte an nichts anderes mehr denken. So machte er sich schließlich auf den Weg zum König. "Sagt mir, was es auf der Welt noch nicht gibt und ich Euch bringen soll", bat er. "Was es auch sein mag, ich will es herbeischaffen, denn ich habe Eure Tochter gesehen und will sie zur Frau gewinnen l"

"Oh du Tölpel!" rief der König erbost. "Das sollst du ja gerade selber herausfinden! Für deine dumme Frage lasse ich dich in den finstersten Kerker werfen, dort sollst du verschmachten. Vielleicht fällt dir dabei etwas Neues ein", fügte er mit höhnischem Lachen hinzu.

Die Wachen schleppten den jungen Mann in ein finsteres, feuchtes Loch. Da lag er nun und dachte an die schöne Königstochter, die er wohl nie mehr in seinem Leben wiedersehen würde. Seine Augen füllten sich mit Tränen bei diesen Gedanken.

Als er aber so dalag und weinte, da wurde es plötzlich hell in seinem Kerker. Eine lichte Frauengestalt erschien. Sie sprach: "Ich bin die Matuya, die Königin der Feen. Ich bin gekommen, um dir zu helfen." Aus ihrem weiten Gewand holte sie ein hölzernes Kästchen mit einem Loch in der Mitte und einen hölzernen Stab hervor. Sie reichte beides dem Jüngling und sprach: "Nun reiße mir einige meiner langen Haare aus und spanne sie über das Loch des Kästchens und über den Stab." Der junge Mann war erstaunt, doch folgte er ihrer Aufforderung. "Nun fahre mit dem Stab über das Kästchen, so dass die Haare auf dem Stab und dem Kästchen einander berühren", fuhr sie fort. Er tat auch das, und es kamen einige Töne aus dem Kästchen hervor - es war allerdings ein schauerliches Gequietsche.

"Gib mir das Kästchen noch einmal", sprach die Matuya. "Es fehlt noch etwas." Sie nahm es und lachte in das Loch ihr silberhelles Lachen hinein, und dann begann sie zu weinen und ließ ihre Tränen in das Loch des Kästchens fallen. "Nun versuche es noch einmal", sagte sie zu dem jungen Mann und reichte ihm das Kästchen wieder.

Als er jetzt mit dem Stab über das Kästchen fuhr, da kamen Töne und Melodien daraus hervor. Es klang zauberhaft schön, so fröhlich wie das silberhelle Lachen der Matuya und dann wieder so traurig wie ihr Weinen. Sie lehrte ihn nun, auf dem Instrument zu spielen, so dass er ihm nach Belieben lustige oder traurige Weisen entlocken konnte. "Nun hast du etwas, das die Menschen noch nicht kennen", sprach sie zu dem jungen Mann. "Gehe damit zum König, und dein Wunsch wird dir erfüllt werden." Sie segnete ihn zum Abschied und verschwand.

Er aber lief zur Tür seines Kerkers und hämmerte so lange dagegen, bis ihm geöffnet wurde. Er ließ sich zum König fuhren. "Du?!" rief der König erzürnt, als er ihn erkannte. "Was hast du noch hier zu suchen?!" Der junge Mann erwiderte kein Wort. Er holte sein Instrument hervor und begann darauf zu spielen. Ein lustiges Tanzlied erklang durch den Saal, fröhlich wie das silberhelle Lachen der Matuya, so lustig, dass es allen in den Beinen zuckte. Ob sie wollten oder nicht, sie mußten alle dazu tanzen, die Minister, die Prinzessin, die Königin und auch der König wirbelten durch den Saal. Nach einer Zeit aber wechselte der junge Mann die Melodie. Ganz traurig klang es jetzt, wie das Weinen der Matuya. Alle im Saal blieben stehen, ließen die Köpfe hängen und begannen zu weinen. Selbst dem König rollten dicke Tränen über die Backen. Schließlich beendete der junge Mann sein Spiel. Da trat der König auf ihn zu und sprach: "Du hast uns tatsächlich etwas gebracht, das es bisher auf der Welt noch nicht gab. Du sollst meine Tochter zur Frau bekommen." Und die Prinzessin nickte und lächelte, denn der junge Mann und sein Spiel hatten auch ihr gut gefallen.

So feierten die beiden Hochzeit und lebten glücklich miteinander. Und so kam die Geige zu den Menschen. Und noch heute kann man daraus das silberhelle Lachen und das Weinen der Matuya hören. Es muß freilich der richtige darauf spielen, und man muß auch gut zuhören ...


Märchen der Sinti und Roma, neu erzählt von Gidon Horowitz.

Aus Gidon Horowitz (Hrsg.), Das Märchenschiff - Märchen aus fernen Ländern (Herder Verlag, Freiburg im Breisgau).

Zu hören auf der Kassette "Das Herz des Affen"

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Stand 26.11.2003

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