In China lebte einst ein
Kaiser, der in seiner Schatzkammer große Reichtümer
angesammelt hatte. Sein größter Schatz aber waren
seine beiden Kinder, sein Sohn, der selber schon
verheiratet war und Kinder hatte, und seine Tochter.
Als die Tochter herangewachsen war, begann sie ihm
allerdings Sorgen zu bereiten. In China war es
nämlich Sitte, und das hieß soviel wie Gesetz, dass
jedes Mädchen mit achtzehn Jahren heiratete. Das
galt auch für die Tochter des Kaisers. Die
Prinzessin aber wollte nicht heiraten. Ihr Vater
bedrängte sie immer wieder, und endlich sagte sie,
um seinem Wunsch nachzugeben: Also gut, ich bin
bereit zu heiraten - aber nur den Mann, der mir eine
blaue Rose bringen kann.
Nun ließ der Kaiser in seinem
ganzen Reich verkünden, seine Tochter würde
denjenigen heiraten, der ihr eine blaue Rose bringen
könnte. Viele Männer hätten die schöne Prinzessin
gerne zur Frau genommen. Manche dachten: Wenn
sie mich nur sieht, wird sie die blaue Rose schon
vergessen - aber das war nicht der Fall. Andere
dachten: Blaue Rosen gibt es nicht. Ich will
die schöne Prinzessin lieber vergessen. Und
schließlich blieben nur drei ernsthafte Bewerber
übrig.
Der erste, ein gefürchteter
Feldherr, überfiel mit den hundert wildesten seiner
Reiter das Reich eines benachbarten Königs, der in
seiner Schatzkammer viele Edelsteine aufbewahrte. Er
sandte dem König Botschaft: Wenn du mir aus
deiner Schatzkammer eine blaue Rose gibst, werde ich
dich nicht weiter behelligen. Wenn du mir diesen
Wunsch aber verweigerst, dann werde ich dein Land
verwüsten und dich und deine Familie
ausrotten! Der König war froh, so günstig
davonzukommen. Er sandte dem Feldherrn die blaue
Rose, und der begab sich damit zum Palast des
Kaisers.
Schau, meine Tochter,
hier kommt ein Mann, der dir eine blaue Rose
bringt! sprach der Kaiser. Die Prinzessin
betrachtete die blaue Rose, dann meinte sie:
Das ist wohl eine blaue Rose. Sie ist schön
gearbeitet, aber sie ist ein Edelstein und nicht
lebendig. Derlei Schmuckwerk habe ich selber
genug. Sie reichte dem Feldherrn die blaue Rose
zurück, und er musste gehen.
Der zweite ernsthafte Bewerber
war der reichste Kaufmann des Landes. Der ging zum
größten Blumenhändler der Hauptstadt und befahl:
Ich möchte von dir eine blaue Rose. Ich
bezahle dir jeden Preis dafür!
Herr, erwiderte der
Blumenhändler, das geht nicht. In unseren
Gärten wachsen keine blauen Rosen.
Danach habe ich nicht
gefragt. In drei Tagen komme ich wieder. Sieh zu,
dass du die blaue Rose bis dann hast!
Natürlich hatte der
Blumenhändler nach drei Tagen keine blaue Rose -
woher auch. Da sagte der Kaufmann: Ich gebe dir
noch einen Tag Frist. Wenn du bis morgen früh die
blaue Rose nicht hast, werde ich dafür sorgen, dass
du vom Leben zum Tod gebracht wirst!
Der Kaufmann war reich und
daher auch einflussreich. Seine Drohung war ernst zu
nehmen. Der Blumenhändler machte sich große Sorgen
und vertraute sich am Abend seiner Frau an. Sie aber
meinte: Nimm doch eine weiße Rose und stelle
sie über Nacht in die und die Flüssigkeit, dann ist
sie morgen blau. Der Blumenhändler folgte
ihrem Rat, und am nächsten Morgen verkaufte er dem
Kaufmann die blaue Rose für eine Unsumme Goldes.
Der Kaufmann begab sich
sogleich zum Palast des Kaisers. Schau, meine
Tochter, sprach der Kaiser. Hier kommt
wieder ein Mann, der dir eine blaue Rose
bringt. Die Prinzessin nahm die blaue Rose und
betrachtete sie sehr genau. Dann sagte sie: Ja,
das ist eine lebendige blaue Rose. Aber sie war nicht
immer blau, sie ist blau gefärbt worden, und jetzt
ist sie giftig. Wenn eine Biene oder ein
Schmetterling sich darauf setzt, muss das Tier
sterben. Das ist nicht die richtige blaue Rose, die
möchte ich nicht haben. Damit musste auch der
Kaufmann gehen.
Der dritte ernsthafte Bewerber
war ein sehr weiser Minister. Der begab sich zum
größten Künstler des Landes und gab ihm den
Auftrag, eine Porzellanvase anzufertigen. Und auf die
Vase sollte er eine blaue Rose malen. Der Meister zog
sich ins Gebirge zurück. Ein Jahr lang arbeitete er
an der Vase und schuf ein unvergleichliches
Kunstwerk. Die blaue Rose darauf schien so lebendig,
dass man ihren Duft zu riechen vermeinte. Als die
Vase fertig war, brachte sie der Minister zum Palast
des Kaisers.
Schau, meine Tochter,
hier kommt noch ein Mann, der dir eine blaue Rose
bringt. Vielleicht ist es diesmal die richtige.
Die Prinzessin betrachtete die Vase lange Zeit, und
sie gefiel ihr über alle Maßen. Ich habe noch
nie ein derartiges Kunstwerk gesehen, sagte sie
schließlich. Diese Vase ist würdig, dass ich
die blaue Rose hineinstelle, wenn ich sie eines Tages
erhalte. Ich danke dir! Damit musste aber auch
der Minister gehen, und nun kam lange Zeit keiner
mehr.
Doch eines Tages zog ein
fahrender Sänger durch die Hauptstadt. Er wusste
zwar, dass das Land von einem Kaiser regiert wurde
und dass der auch eine Tochter hatte, aber von ihrem
Wunsch nach einer blauen Rose hatte er noch nie etwas
gehört. Das war ihm auch nicht wichtig. Er war
zufrieden, wenn die Sonne schien und er spielen und
singen konnte, wenn Menschen kamen, die ihm
zuhörten, und er dann etwas zu essen und einen Platz
zum Schlafen bekam. So setzte er sich an eine lange
Mauer, holte sein Instrument hervor, stimmte es und
begann dann zu spielen und zu singen. Nach kurzer
Zeit öffnete sich eine kleine Tür in der Mauer.
Eine junge Frau kam heraus und setzte sich zu ihm.
Als sein Lied zu Ende war, wünschte sie sich noch
eines. Und dann noch eines, und noch eines, und noch
eines
Dann begannen sie zu sprechen. Es wurde
Abend, sie gingen in den Schatten der Bäume und
hatten einander so viel zu sagen. Und schließlich
meinte er: Du gefällst mir so gut, ich möchte
dich heiraten!
Sie lächelte, blickte ihn
dabei aber etwas traurig an. Du gefällst mir
auch, und ich würde dich gerne heiraten, aber es
wird nicht so einfach sein. Ich bin die Tochter des
Kaisers, und ich habe zur Bedingung gestellt, dass
der Mann, den ich heirate, mir eine blaue Rose
bringt. Wie willst du das vollbringen?
Eine blaue Rose, nichts
weiter? Er lachte. Ich werde sie dir
morgen bringen. Schau sie dir nur gut an, wenn ich
komme! Er begleitete sie zurück zur kleinen
Tür in der Mauer. Am nächsten Morgen aber brach er
eine schöne weiße Rose von einem Rosenstrauch und
begab sich damit zum Palast des Kaisers.
Schau, meine
Tochter, rief der Kaiser. Hier kommt
wieder ein Mann, der dir eine Rose bringt. Aber er
scheint nicht ganz richtig im Kopf zu sein. Er hat da
eine weiße Rose und behauptet, sie wäre blau!
Die Prinzessin schaute auf die Rose, dann auf den
Mann, dann wieder auf die Rose. Aber Vater, die
ist ja blau! sagte sie schließlich.
Nein! rief der
Kaiser. Jeder sieht, dass das eine weiße Rose
ist.
Nein, die ist blau! Und
genau die wollte ich haben!
Der Kaiser war ja im Grunde
froh, dass seine Tochter nun endlich einen Mann
gewählt hatte. So befahl er, dass diese Rose blau zu
sein hatte, und wer das Gegenteil behauptete, wurde
streng bestraft. So feierten die beiden Hochzeit, und
der Kaiser schenkte ihnen ein kleines Landhaus
draußen vor der Stadt. Er bekam seinen Schwiegersohn
immer lieber, denn er hatte auch Freude an seinen
Liedern und Gesängen. Die beiden pflanzten vor ihrem
Haus einen Rosenstrauch, der jedes Jahr ganz
prächtige weiße Rosen trug. Die nannten sie aber
ihr ganzes Leben lang blau.