Gidon Horowitz

Märchenerzähler

 
 

DIE BLAUE ROSE

In China lebte einst ein Kaiser, der in seiner Schatzkammer große Reichtümer angesammelt hatte. Sein größter Schatz aber waren seine beiden Kinder, sein Sohn, der selber schon verheiratet war und Kinder hatte, und seine Tochter. Als die Tochter herangewachsen war, begann sie ihm allerdings Sorgen zu bereiten. In China war es nämlich Sitte, und das hieß soviel wie Gesetz, dass jedes Mädchen mit achtzehn Jahren heiratete. Das galt auch für die Tochter des Kaisers. Die Prinzessin aber wollte nicht heiraten. Ihr Vater bedrängte sie immer wieder, und endlich sagte sie, um seinem Wunsch nachzugeben: „Also gut, ich bin bereit zu heiraten - aber nur den Mann, der mir eine blaue Rose bringen kann.“

Nun ließ der Kaiser in seinem ganzen Reich verkünden, seine Tochter würde denjenigen heiraten, der ihr eine blaue Rose bringen könnte. Viele Männer hätten die schöne Prinzessin gerne zur Frau genommen. Manche dachten: ‚Wenn sie mich nur sieht, wird sie die blaue Rose schon vergessen’ - aber das war nicht der Fall. Andere dachten: ‚Blaue Rosen gibt es nicht. Ich will die schöne Prinzessin lieber vergessen.’ Und schließlich blieben nur drei ernsthafte Bewerber übrig.

Der erste, ein gefürchteter Feldherr, überfiel mit den hundert wildesten seiner Reiter das Reich eines benachbarten Königs, der in seiner Schatzkammer viele Edelsteine aufbewahrte. Er sandte dem König Botschaft: „Wenn du mir aus deiner Schatzkammer eine blaue Rose gibst, werde ich dich nicht weiter behelligen. Wenn du mir diesen Wunsch aber verweigerst, dann werde ich dein Land verwüsten und dich und deine Familie ausrotten!“ Der König war froh, so günstig davonzukommen. Er sandte dem Feldherrn die blaue Rose, und der begab sich damit zum Palast des Kaisers.

„Schau, meine Tochter, hier kommt ein Mann, der dir eine blaue Rose bringt!“ sprach der Kaiser. Die Prinzessin betrachtete die blaue Rose, dann meinte sie: „Das ist wohl eine blaue Rose. Sie ist schön gearbeitet, aber sie ist ein Edelstein und nicht lebendig. Derlei Schmuckwerk habe ich selber genug.“ Sie reichte dem Feldherrn die blaue Rose zurück, und er musste gehen.

Der zweite ernsthafte Bewerber war der reichste Kaufmann des Landes. Der ging zum größten Blumenhändler der Hauptstadt und befahl: „Ich möchte von dir eine blaue Rose. Ich bezahle dir jeden Preis dafür!“

„Herr“, erwiderte der Blumenhändler, „das geht nicht. In unseren Gärten wachsen keine blauen Rosen.“

„Danach habe ich nicht gefragt. In drei Tagen komme ich wieder. Sieh zu, dass du die blaue Rose bis dann hast!“

Natürlich hatte der Blumenhändler nach drei Tagen keine blaue Rose - woher auch. Da sagte der Kaufmann: „Ich gebe dir noch einen Tag Frist. Wenn du bis morgen früh die blaue Rose nicht hast, werde ich dafür sorgen, dass du vom Leben zum Tod gebracht wirst!“

Der Kaufmann war reich und daher auch einflussreich. Seine Drohung war ernst zu nehmen. Der Blumenhändler machte sich große Sorgen und vertraute sich am Abend seiner Frau an. Sie aber meinte: „Nimm doch eine weiße Rose und stelle sie über Nacht in die und die Flüssigkeit, dann ist sie morgen blau.“ Der Blumenhändler folgte ihrem Rat, und am nächsten Morgen verkaufte er dem Kaufmann die blaue Rose für eine Unsumme Goldes.

Der Kaufmann begab sich sogleich zum Palast des Kaisers. „Schau, meine Tochter“, sprach der Kaiser. „Hier kommt wieder ein Mann, der dir eine blaue Rose bringt.“ Die Prinzessin nahm die blaue Rose und betrachtete sie sehr genau. Dann sagte sie: „Ja, das ist eine lebendige blaue Rose. Aber sie war nicht immer blau, sie ist blau gefärbt worden, und jetzt ist sie giftig. Wenn eine Biene oder ein Schmetterling sich darauf setzt, muss das Tier sterben. Das ist nicht die richtige blaue Rose, die möchte ich nicht haben.“ Damit musste auch der Kaufmann gehen.

Der dritte ernsthafte Bewerber war ein sehr weiser Minister. Der begab sich zum größten Künstler des Landes und gab ihm den Auftrag, eine Porzellanvase anzufertigen. Und auf die Vase sollte er eine blaue Rose malen. Der Meister zog sich ins Gebirge zurück. Ein Jahr lang arbeitete er an der Vase und schuf ein unvergleichliches Kunstwerk. Die blaue Rose darauf schien so lebendig, dass man ihren Duft zu riechen vermeinte. Als die Vase fertig war, brachte sie der Minister zum Palast des Kaisers.

„Schau, meine Tochter, hier kommt noch ein Mann, der dir eine blaue Rose bringt. Vielleicht ist es diesmal die richtige.“ Die Prinzessin betrachtete die Vase lange Zeit, und sie gefiel ihr über alle Maßen. „Ich habe noch nie ein derartiges Kunstwerk gesehen“, sagte sie schließlich. „Diese Vase ist würdig, dass ich die blaue Rose hineinstelle, wenn ich sie eines Tages erhalte. Ich danke dir!“ Damit musste aber auch der Minister gehen, und nun kam lange Zeit keiner mehr.

Doch eines Tages zog ein fahrender Sänger durch die Hauptstadt. Er wusste zwar, dass das Land von einem Kaiser regiert wurde und dass der auch eine Tochter hatte, aber von ihrem Wunsch nach einer blauen Rose hatte er noch nie etwas gehört. Das war ihm auch nicht wichtig. Er war zufrieden, wenn die Sonne schien und er spielen und singen konnte, wenn Menschen kamen, die ihm zuhörten, und er dann etwas zu essen und einen Platz zum Schlafen bekam. So setzte er sich an eine lange Mauer, holte sein Instrument hervor, stimmte es und begann dann zu spielen und zu singen. Nach kurzer Zeit öffnete sich eine kleine Tür in der Mauer. Eine junge Frau kam heraus und setzte sich zu ihm. Als sein Lied zu Ende war, wünschte sie sich noch eines. Und dann noch eines, und noch eines, und noch eines… Dann begannen sie zu sprechen. Es wurde Abend, sie gingen in den Schatten der Bäume und hatten einander so viel zu sagen. Und schließlich meinte er: „Du gefällst mir so gut, ich möchte dich heiraten!“

Sie lächelte, blickte ihn dabei aber etwas traurig an. „Du gefällst mir auch, und ich würde dich gerne heiraten, aber es wird nicht so einfach sein. Ich bin die Tochter des Kaisers, und ich habe zur Bedingung gestellt, dass der Mann, den ich heirate, mir eine blaue Rose bringt. Wie willst du das vollbringen?“

„Eine blaue Rose, nichts weiter?“ Er lachte. „Ich werde sie dir morgen bringen. Schau sie dir nur gut an, wenn ich komme!“ Er begleitete sie zurück zur kleinen Tür in der Mauer. Am nächsten Morgen aber brach er eine schöne weiße Rose von einem Rosenstrauch und begab sich damit zum Palast des Kaisers.

„Schau, meine Tochter“, rief der Kaiser. „Hier kommt wieder ein Mann, der dir eine Rose bringt. Aber er scheint nicht ganz richtig im Kopf zu sein. Er hat da eine weiße Rose und behauptet, sie wäre blau!“ Die Prinzessin schaute auf die Rose, dann auf den Mann, dann wieder auf die Rose. „Aber Vater, die ist ja blau!“ sagte sie schließlich.

„Nein!“ rief der Kaiser. „Jeder sieht, dass das eine weiße Rose ist.“

„Nein, die ist blau! Und genau die wollte ich haben!“

Der Kaiser war ja im Grunde froh, dass seine Tochter nun endlich einen Mann gewählt hatte. So befahl er, dass diese Rose blau zu sein hatte, und wer das Gegenteil behauptete, wurde streng bestraft. So feierten die beiden Hochzeit, und der Kaiser schenkte ihnen ein kleines Landhaus draußen vor der Stadt. Er bekam seinen Schwiegersohn immer lieber, denn er hatte auch Freude an seinen Liedern und Gesängen. Die beiden pflanzten vor ihrem Haus einen Rosenstrauch, der jedes Jahr ganz prächtige weiße Rosen trug. Die nannten sie aber ihr ganzes Leben lang „blau“.


Märchen aus China, nacherzählt von Gidon Horowitz.

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Stand 26.11.2003

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